Wie wird die Spermienqualität über das herkömmliche Spermiogramm hinaus beurteilt?
Die Spermienqualität stellt weltweit eine Herausforderung dar. In den vergangenen Jahrzehnten wurde ein allgemeiner Rückgang der Samenqualität beobachtet, der sich negativ auf die männliche Fruchtbarkeit auswirkt. Diese Entwicklung hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) dazu veranlasst, ihre Standards zur Beurteilung von menschlichem Ejakulat zu überarbeiten, nachdem eine deutliche Abnahme der Spermienkonzentration und -beweglichkeit festgestellt worden war. Tatsächlich wird geschätzt, dass die Spermienkonzentration seit 1973 um rund 50 % zurückgegangen ist.
Wenn ein Paar Schwierigkeiten hat, schwanger zu werden, sollte die Fruchtbarkeitsdiagnostik sowohl weibliche als auch männliche Faktoren berücksichtigen. Beim Mann wird in der Regel zunächst ein Spermiogramm durchgeführt. Diese Untersuchung bewertet die grundlegenden Eigenschaften des Ejakulats und bildet die Basis der Diagnostik der männlichen Fruchtbarkeit.
Parameter zur Beurteilung der Spermienqualität (Konzentration, Beweglichkeit und Morphologie)
Im Spermiogramm werden die Spermienkonzentration, die Beweglichkeit (Motilität), die Morphologie sowie die Vitalität der Spermien untersucht. Die Ergebnisse werden anhand der Referenzwerte der WHO interpretiert, die im Juli 2021 in der 6. Ausgabe des WHO-Laborhandbuchs für die Untersuchung und Aufbereitung von menschlichem Ejakulat veröffentlicht wurden.
Eine wesentliche Neuerung dieser Ausgabe besteht darin, dass der Begriff der „Normalwerte“ durch sogenannte Entscheidungsgrenzen ersetzt wurde. Diese basieren auf dem 5. Perzentil einer Population fruchtbarer Männer. Die Werte stellen keine klare Grenze zwischen Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit dar, sondern geben Wahrscheinlichkeiten an, die stets individuell im klinischen Kontext des jeweiligen Patienten bewertet werden müssen.
WHO-Referenzwerte 2021
Die von der WHO im Jahr 2021 festgelegten Entscheidungsgrenzen (5. Perzentil) für die wichtigsten Samenparameter lauten:
| Parameter | Entscheidungsgrenze (5. Perzentil) |
|---|---|
| Ejakulatvolumen | ≥ 1,4 ml |
| Spermienkonzentration | ≥ 16 Millionen/ml |
| Gesamte Spermienzahl | ≥ 39 Millionen pro Ejakulat |
| Gesamtmotilität | 42 % |
| Progressive Motilität | 30 % |
| Normale Morphologie | 4 % |
| Vitalität | 54 % |
Über das Spermiogramm hinaus: Moderne Verfahren zur Beurteilung der Spermienqualität
Obwohl das Spermiogramm die erste Untersuchung zur Beurteilung der männlichen Fruchtbarkeit darstellt, lässt sich damit die zugrunde liegende Ursache einer Unfruchtbarkeit nicht immer erkennen. Es gibt Männer mit unauffälligem Spermiogramm, die dennoch Schwierigkeiten haben, eine Schwangerschaft herbeizuführen. Umgekehrt können auch Männer mit auffälligen Samenparametern auf natürlichem Weg Vater werden. Deshalb greifen Spezialisten auf ergänzende molekulare und genetische Untersuchungen zurück, um eine präzisere Diagnose zu stellen und eine individuell abgestimmte Behandlung zu ermöglichen.
Zu den wichtigsten ergänzenden Untersuchungen gehört die Analyse der Spermien-DNA-Fragmentierung, mit der Spermien mit DNA-Schädigungen nachgewiesen werden können. Eine erhöhte DNA-Fragmentierung wird mit einer verminderten Befruchtungsfähigkeit, einer geringeren Embryonenqualität sowie einem erhöhten Fehlgeburtsrisiko in Verbindung gebracht.
Eine weitere bedeutende Methode ist die Fluoreszenz-in-situ-Hybridisierung (FISH). Mit diesem zytogenetischen Verfahren kann ein Teil des Chromosomensatzes der Spermien analysiert werden, insbesondere die Chromosomen 13, 18, 21, X und Y, die vor allem mit Fehlgeburten und fetalen Chromosomenanomalien assoziiert sind.
Darüber hinaus hat sich die Next-Generation Sequencing (NGS) in den letzten Jahren zu einem unverzichtbaren Instrument in der Diagnostik der männlichen Fruchtbarkeit entwickelt. Mithilfe spezieller Genpanels können zahlreiche Gene, die an der Spermatogenese beteiligt sind, gleichzeitig untersucht werden. Diese Panels ermöglichen die Analyse der wichtigsten Gene, die an der Bildung männlicher Keimzellen beteiligt sind. Ihr Einsatz bei Patienten mit auffälligem Spermiogramm verbessert die diagnostische Genauigkeit und unterstützt eine zunehmend personalisierte Reproduktionsmedizin.
Verfahren zur Spermienselektion
In der assistierten Reproduktion ist es nicht nur wichtig, die Qualität des Ejakulats zu beurteilen, sondern auch jene Spermien auszuwählen, die das höchste Befruchtungspotenzial aufweisen.
Hierfür stehen verschiedene Verfahren zur Verfügung, mit denen vor bestimmten Techniken der assistierten Reproduktion Spermien mit den besten funktionellen Eigenschaften isoliert werden können. Dazu gehören unter anderem die Granulosazell-Selektionsplatte (entwickelt von Instituto Bernabeu), Mikrofluidik-Systeme, MACS und PICSI.
Welche Methode zum Einsatz kommt, hängt von den individuellen Voraussetzungen des Patienten und der jeweiligen klinischen Indikation ab. Dadurch kann die Behandlung individuell angepasst und die Erfolgschancen maximiert werden.
Faktoren, die die Spermienqualität beeinflussen
Verschiedene Faktoren können zu einer Verschlechterung der Samenparameter beitragen. Dazu zählen genetische Veränderungen, hormonelle Störungen sowie unterschiedliche Erkrankungen der Hoden.
Darüber hinaus gelten bestimmte Lebensgewohnheiten und Umweltfaktoren ebenfalls als mögliche Einflussgrößen auf die Spermienqualität, wenngleich die wissenschaftliche Evidenz hierfür weniger eindeutig ist.
Faktoren, die die Spermienqualität beeinflussen
Ernährung und Lebensstil
Übergewicht und eine Ernährung mit einem hohen Anteil an hochverarbeiteten Lebensmitteln können das hormonelle Gleichgewicht stören, indem sie den Testosteronspiegel senken und Entzündungsprozesse sowie oxidativen Stress fördern. Dadurch können sich die Spermienkonzentration, die Beweglichkeit und die Morphologie verschlechtern, während gleichzeitig DNA-Schäden an den Spermien zunehmen können.
Auch Rauchen, E-Zigaretten, übermäßiger Alkoholkonsum, anabole Steroide, Cannabis und Opioide können die Spermatogenese beeinträchtigen und die Spermienqualität verringern.
Stress und Umweltfaktoren
Umweltverschmutzung, Pestizide, Schwermetalle und endokrine Disruptoren (wie Bisphenole und Phthalate) werden mit reproduktionstoxischen Effekten in Verbindung gebracht. Sie können die Spermienkonzentration verringern und Schäden an der DNA der Spermien verursachen.
Darüber hinaus kann eine erhöhte Hodentemperatur – beispielsweise durch häufige Saunagänge, eng anliegende Kleidung oder berufsbedingte Hitzeeinwirkung – bestimmte Samenparameter, insbesondere die Beweglichkeit der Spermien, beeinträchtigen.
Chronischer Stress kann die hormonelle Regulation stören und oxidativen Stress verstärken. Außerdem bleibt die Spermienproduktion zwar auch im höheren Alter erhalten, ein fortgeschrittenes väterliches Alter kann jedoch das Risiko genetischer Veränderungen in den Keimzellen erhöhen.
Erkrankungen und medizinische Ursachen
Verschiedene Erkrankungen können sich negativ auf die Spermienqualität auswirken.
Obwohl viele Medikamente aus medizinischer Sicht unverzichtbar sind, können einige von ihnen Nebenwirkungen verursachen, die die männliche Fruchtbarkeit und die Spermienqualität beeinträchtigen. Dazu zählen unter anderem anabole Steroide, Chemotherapeutika, Psychopharmaka sowie Finasterid und Dutasterid.
Maßnahmen zur Verbesserung der Spermienqualität
Nach dem aktuellen Stand der wissenschaftlichen Erkenntnisse besteht die wirksamste Möglichkeit, die Spermienqualität auf natürliche Weise zu verbessern, in einem gesunden Lebensstil. Gewichtsreduktion (insbesondere bei Übergewicht oder Adipositas), der Verzicht auf das Rauchen, eine Reduzierung des Alkohol- und Drogenkonsums sowie eine geringere Belastung durch Umweltgifte können zur Verbesserung bestimmter Samenparameter beitragen.
Neben diesen Maßnahmen wurden weitere Strategien zur Verbesserung der männlichen Fortpflanzungsfunktion vorgeschlagen, darunter die Einnahme antioxidativer Nahrungsergänzungsmittel. Obwohl einzelne Studien vielversprechende Ergebnisse zeigen, reichen die derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht aus, um ihren allgemeinen Einsatz zu empfehlen.
Das eigentliche Ziel geht jedoch weit über die Verbesserung der Ergebnisse eines Spermiogramms hinaus. Entscheidend ist es, die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft und der Geburt eines gesunden Kindes zu erhöhen – sei es durch eine natürliche Empfängnis oder, wenn medizinisch angezeigt, mithilfe assistierter Reproduktionstechniken.
Häufig gestellte Fragen
Woran erkenne ich, ob meine Spermien von guter Qualität sind?
Die zuverlässigste Möglichkeit festzustellen, ob die Spermienqualität eingeschränkt ist oder ob die Samenparameter innerhalb der Referenzwerte liegen, besteht in der Durchführung eines Spermiogramms. Dabei werden unter anderem die Spermienkonzentration, die Beweglichkeit, die Morphologie sowie weitere Eigenschaften des Ejakulats untersucht.
Ein unauffälliges Spermiogramm schließt jedoch Fruchtbarkeitsstörungen nicht immer aus. Bestehen Schwierigkeiten, eine Schwangerschaft zu erreichen, treten wiederholte Fehlgeburten auf oder ergeben sich Befunde, die eine umfassendere Abklärung erfordern, kann der Spezialist weitere Untersuchungen veranlassen, um Aspekte zu beurteilen, die mit einem herkömmlichen Spermiogramm nicht erfasst werden können.
Aus diesem Grund sollten die Ergebnisse stets von einem auf männliche Fruchtbarkeit spezialisierten Arzt oder Biologen beurteilt werden. Er entscheidet, ob ergänzende diagnostische Untersuchungen erforderlich sind.
Sind Nahrungsergänzungsmittel wirksam, um die Spermienqualität zu verbessern?
In den vergangenen Jahren hat die Einnahme von Antioxidantien und Vitaminpräparaten zur Verbesserung der Spermienqualität deutlich an Bedeutung gewonnen. Nach der derzeit verfügbaren wissenschaftlichen Literatur reicht die Evidenz jedoch weiterhin nicht aus, um ihren routinemäßigen Einsatz allgemein zu empfehlen.
Gibt es Lebensmittel, die die Spermienqualität verbessern?
Eine ausgewogene Ernährung in Kombination mit einem gesunden Lebensstil – einschließlich regelmäßiger körperlicher Aktivität, eines normalen Körpergewichts sowie dem Verzicht auf Rauchen und übermäßigen Alkoholkonsum – kann die allgemeine Gesundheit fördern und sich positiv auf bestimmte Samenparameter auswirken.
Es gibt jedoch kein einzelnes Lebensmittel, das die Fruchtbarkeit allein verbessern kann. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen vielmehr, dass eine insgesamt gesunde Lebensweise entscheidend ist und bei Schwierigkeiten, eine Schwangerschaft zu erreichen, ein Spezialist für Fruchtbarkeitsmedizin aufgesucht werden sollte.
Welche Voraussetzungen muss ein Mann erfüllen, um Samenspender zu werden?
Um Samenspender zu werden, ist eine umfassende medizinische und andrologische Untersuchung erforderlich. Dadurch wird sichergestellt, dass die Samenprobe sowohl den gesetzlichen Vorgaben als auch den Qualitätsstandards des Zentrums entspricht.
Dabei werden unter anderem die Ergebnisse des Spermiogramms, der allgemeine Gesundheitszustand (einschließlich der psychologischen Beurteilung) sowie die persönliche und familiäre Krankengeschichte bewertet.
Wenn Sie alle Voraussetzungen und den vollständigen Ablauf der Samenspende kennenlernen möchten, finden Sie weitere Informationen auf unserer Seite zur Samenspende.
Dr. Eva García, Biologin am Instituto Bernabeu.
